Heidelberger Poetikdozentur 2008

 

Peter Bieri wurde am 23. Juni 1944 in Bern geboren und wuchs dort auf. Nach der Maturität ging er 1963 für ein Studienjahr nach London. 1964 nahm er ein Studium der Philosophie, Indologie, der Klassischen Philologie und Anglistik an der Universität Heidelberg auf, das er 1971 mit der Dissertation über „Zeit und Zeiterfahrung“ in den Schriften des englischen Philosophen John McTaggart Ellis McTaggart (1866-1925) abschloß. Während seiner Assistenzzeit (u.a. bei Dieter Henrich) ging er nach Berkley und Harvard, wo er sich intensiv mit der sprachanalytischen Philosophie beschäftigte. Nach der Habilitation (1981) war Bieri Professor für Philosophie an verschiedenen Universitäten (Hamburg, Heidelberg, Berlin, Bielefeld, Marburg), bevor er 1993 den Lehrstuhl für Sprachphilosophie und Analytische Philosophie an der Freien Universität Berlin übernahm, den er 2007 aus Protest gegen die Hochschulpolitik zurückgab.

Schwerpunkte von Peter Bieris akademischer Arbeit sind die Philosophische Psychologie, die Erkenntnistheorie und Moralphilosophie. Seine Schriften bilden eine Brücke zwischen der angelsächsischen sprachanalytischen Schule und der kontinentalen Tradition der Bewußtseinsphilosophie. Als Mitbegründer des DFG-Forschungsschwerpunktes „Kognition und Gehirn“ gilt seine Kritik der Annahme von Neurobiologen, innerpsychische Vorgänge durch die Sichtbarmachung physischer Abläufe erklären zu können. Die analytische Schule sieht er von einem logizistischen Formalismus bedroht, der die grundlegenden Fragen der Philosophie aus den Augen verliert. Bieris Philosophieren bindet Reflexion und Theorie an die lebensweltliche Erfahrung zurück. Sein philosophisches Hauptwerk „Das Handwerk der Freiheit“ (2001) kreist um die Frage, was Willensfreiheit ist, wie sie entsteht und wie sie sinnvoll gedacht werden kann, indem Bezüge zur Literatur und zum alltäglichen Leben hergestellt werden.

In den neunziger Jahren wechselte Peter Bieri die Seiten und wurde zum Schriftsteller Pascal Mercier. Seine Romane kommen Tiefenbohrungen in die Psyche gleich. Sie entwerfen Grundsituationen des radikalen Scheiterns und tiefen Unglücks, und zeigen, wie es ist, wenn das Leben aus der Bahn gerät und alle Vernunft nicht weiter hilft. In „Perlmanns Schweigen“ (1995) kommen dem Sprachwissenschaftler Perlmann im Verlauf einer Tagung die Ideen, die Sprache und das berufliche Selbstverständnis abhanden. Im „Klavierstimmer“ (1998) werden im Wechsel zweier Erzählerstimmen die inneren Beweggründe der Erfolglosigkeit, die zum Mord anstiftet, erforscht. Der „Nachtzug nach Lissabon“ (2004) setzt die Suche nach dem Antrieb des Lebens fort und erzählt von einem Lehrer, der ins Buch eines portugiesischen Dichters hineingezogen wird, sich auf seine Spuren begibt und an seine Stelle setzt. „Lea“ (2007) erzählt die tragische Geschichte eines Vaters, der nur das Beste für seine musikalisch hochbegabte Tochter will und systematisch zum Agenten ihres Unglücks wird. Minutiös bildet die Novelle die inneren Landschaften der beiden seelenverwandten Erzähler ab, zeichnet die emotionalen Prozesse nach, die in die Katastrophe münden.

Peter Bieris Romane entwerfen Typologien und Konstellationen von mythisch-existentieller Dimension. Unvorhergesehene Lebenswenden ereignen sich, Gewißheiten lösen sich auf, Grenzsituationen stürzen das Subjekt in Abgründe. Der Leser erfährt, wie Gefühle und Intentionen sich bilden und wie rücksichtslos sie durchkreuzt werden. Es handelt sich um eminent psychologische Romane, die Zeugnis über die Fragilität der menschlichen Existenz geben und anschaulich zeigen, daß das Leben Kräften unterliegt, die den Horizont der Vernunft bei weitem übersteigen.

In seinen Poetikvorlesungen wird Peter Bieri Einblick geben in das, „Was die Sprache mit uns macht“, welche Bedeutung sie hat für die Entstehung von Erkenntnis und für das Werden der Persönlichkeit, und damit in das, was Literatur der Philosophie möglicherweise voraus hat.

Auszeichnungen:

Marie Luise Kaschnitz-Preis (2006); Grinzane Cavour Preis (2007); Lichtenberg-Medaille der Universität Göttingen (2007).

Literarische Werke:

Perlmanns Schweigen (1995); Der Klavierstimmer (1998); Nachtzug nach Lissabon (2004); Lea. Novelle (2007)

Heidelberger Poetikdozentur 2008
Peter Bieri / Pascal Mercier

Was macht die Sprache mit uns?

Mittwoch, 28. Mai 2008, 20.00 Uhr
Alte Aula der Universität
Eröffnung der Poetikdozentur 2008
Begrüßung: Prorektorin Prof. Dr. Vera Nünning
Erster Bürgermeister Prof. Dr. Raban von der Malsburg
Einführung: PD Dr. Michaela Kopp-Marx

Erfahrungen zur Sprache bringen
Poetikvorlesung mit Peter Bieri

Empfang auf der Bel Etage

Sonntag, 1. Juni 2008, 11.00 Uhr
Heidelberger Literaturtage
Spiegelzelt Universitätsplatz
Peter Bieri liest aus der Novelle
Lea
Lesung mit Peter Bieri

Donnerstag, 5. Juni 2008, 19.00 Uhr
Neue Universität, Hörsaal 14
Erzählungen verstehen
Poetikvorlesung mit Peter Bieri

Freitag, 6. Juni 2008, 20.00 Uhr
Deutsch-Amerikanisches Institut
Peter Bieri liest aus dem Roman
Nachtzug nach Lissabon
Lesung und Gespräch mit Peter Bieri

Donnerstag, 12. Juni 2008, 19.00 Uhr
Neue Universität, Hörsaal 14
Erzählungen schreiben
Poetikvorlesung mit Peter Bieri


Auf dem Media-Server der Universität Heidelberg finden Sie die Videos der Eröffnung durch Dr. Michaela Kopp-Marx und der Vorlesungen von Peter Bieri.
 

Ermöglicht wird die Poetik-Dozentur 2008 durch die "Stadt Heidelberg Stiftung für die Universität" sowie das Kulturamt der Stadt Heidelberg, in Zusammenarbeit mit den Heidelberger Literaturtagen.

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Letzte Änderung: 07.07.2016