Selbstverständnis

der Lehrenden und Studierenden der Germanistik an der Universität Heidelberg (vom 24. Januar 2013)

  1. Das Studium der Germanistik dient der Entwicklung der Studierenden hin zu einer individuellen Persönlichkeit, die sich – insbesondere bezogen auf die deutsche Sprache und Literatur – umfangreiche allgemeine und spezifische Wissensbestände angeeignet und vielfältige Handlungsfähigkeiten erlernt hat. Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen die Studierenden Zeit. Sie brauchen Zeit für Lektüre, Zeit zum Denken, Zeit zum Schreiben und Zeit für gesellschaftliches Engagement. Sie brauchen außerdem Anforderung, Anleitung, Rückmeldung und Einschätzung.
  2. Die Lehrenden unterstützen die Studierenden darin, ihr Ziel zu erreichen. Sie nehmen die Studierenden als Kommunikationspartner und Individuen ernst. Sie machen Angebote in Form von Lehrveranstaltungen, in denen sie Anforderungen formulieren, die Studierenden anleiten und in denen die Studierenden in Form von Kritik und Zuspruch eine Rückmeldung erhalten. Auch außerhalb der Lehrveranstaltungen, etwa in Sprechstunden, bei Veranstaltungen und auf Exkursionen unterstützen die Lehrenden die Studierenden in ähnlicher Weise. Die Lehrenden setzen sich somit umfassend für eine Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ein und sind Ansprechpartner für die studentischen Belange.
  3. Die Studierenden verstehen sich als zentraler Teil in diesem Lehr- und Lernverhältnis. Sie beteiligen sich daran engagiert und kritisch und gestalten – nach bestem Wissen und ihren individuellen Fähigkeiten entsprechend – mit eigenen Argumenten, Beobachtungen und Ideen den Studienprozess aktiv mit. Die Studierenden nehmen das Angebot der Lehrenden an, sie in ihren Studienbestrebungen fachlich und individuell zu unterstützen. Für sie ist das Studium eine Herausforderung und Chance zur methodischen Aneignung von Wissen und zur geistigen Entwicklung wie auch zur Berufsorientierung und Selbstentfaltung. Die professionelle Nutzung und Erforschung der deutschen Sprache und Literatur ist ihnen wichtig. Ebenso wichtig ist es ihnen, ihren Interessen auch über die obligatorischen Veranstaltungen hinaus nachzugehen und selbstbestimmt Standpunkte entwickeln zu können. Das Germanistische Seminar Heidelberg wird von den Studierenden als sozialer Raum gesehen, der Platz zum Austausch innerhalb wie außerhalb des Lehrbetriebs bietet.
  4. Der zentrale Gegenstand des Studiums sind Geschichte und System der deutschen Sprache und Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Die Studierenden erwerben fachliches Wissen über Inhalte von Texten, über historische Kontexte, kulturelle Bedingungen, Bauformen und Regelhaftigkeiten dieser Texte, über ihre sprachlichen Grundlagen, über Bedingungen und Regeln der Grammatik, Semantik und Wortbildung. Schriftliche – und auch mündliche – Texte bilden damit den komplexen Gegenstand, an dem die Verwobenheit von Wissen, Sprache und Gesellschaft jeweils exemplarisch erfahren und erforscht werden kann. Durch die praktische Anwendung von Methoden und Theorien auf literarische Texte und sprachliche Äußerungen erlernen die Studierenden der Germanistik Phänomene zu segmentieren, detailliert zu analysieren und zu vergleichen. Sie eignen sich fundierte Kenntnisse des wissenschaftlichen Arbeitens und der wissenschaftlichen Praxis an.
  5. Anhand der Gegenstände der Germanistik und mittels exemplarisch durchgeführter historischer und sprachlicher Analysen werden im Studium besonders folgende Kompetenzen erworben:

a.) Wahrnehmungsfähigkeit: Absolventen der Germanistik sind es durch ihre philologische und interpretatorische Ausbildung gewohnt, genau hinzusehen, feine Unterschiede zu erkennen, komplexe Sachlagen zu durchschauen, nicht offensichtliche Verbindungen wahrzunehmen und überraschende Sachverhalte zu entdecken. Dies befähigt sie zu vielen Berufen, in denen sprachliche und kulturhistorische Sensibilität und Genauigkeit gefordert sind.

b.) Kritik und Urteilskraft: Absolventen der Germanistik sind fähig, Texte und andere kulturelle Artefakte sowie sprachliche Äußerungen zu historisieren, zu bewerten und kritisch zu hinterfragen; sie sind damit besonders geeignet, in der Gesellschaft konstruktiv kritische und mahnende Funktionen zu übernehmen, etwa den ideologischen Missbrauch von Sprache zu erkennen und vor ihm zu warnen oder die Ästhetik der Literatur zu beurteilen.

c.) Reflexionsfähigkeit: Absolventen der Germanistik haben gelernt, die Perspektiven zu wechseln, Dinge mit anderen Augen zu sehen und dabei über ihren eigenen Standpunkt zu reflektieren; sie erlangen dadurch die Befähigung zu einem sicheren und selbstbewussten Umgang mit komplexen Situationen und können in Bereichen eingesetzt werden, in denen Planungsfähigkeit gefragt ist.

d.) Kreativität: Absolventen der Germanistik sind in besonderer Weise kreativ, weil im verbalen und schriftlichen Umgang mit Literatur und Sprache das eigene Denken und in der Konfrontation von Sprache und Literatur mit der aktuellen Lebenswelt die individuelle Auseinandersetzung und Empathie gefördert wird; die Absolventen sind daher auch für kreative Betätigungen in Wirtschaft und Kultur besonders befähigt.

e.) Ausdrucksfähigkeit: Absolventen der Germanistik können sich in herausragender Weise mündlich und schriftlich ausdrücken und sind damit besonders geeignet für alle kommunikativen Berufsfelder.

gez. Lieb / Bremer / Fette / Frech / Fachschaft / Fachrat / Mittelbau / Direktorium

Letzte Änderung: 07.07.2016
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