Linguistische Diskursanalyse (LDA)

Korpuspragmatik. Thematische Korpora als
Basis diskurslinguistischer Analysen

Hg. von Felder, Ekkehard / Müller, Marcus / Vogel, Friedemann
Reihe: Linguistik – Impulse & Tendenzen (LIT) 44

Zur Bestimmung agonaler Zentren in der pragma-semiotischen Textarbeit

Im Zentrum des Forschungsprojektes steht die Linguistische Diskursanalyse anhand von Korpora des Heidelberger Korpus (HeideKo). Am Beispiel dieser Texte sollen die spezifischen Erkenntnispotentiale linguistischer Beschreibungsverfahren im Unterschied zu Diskursanalysen anderer Wissenschaftsdisziplinen demonstriert werden. Das Erkenntnisinteresse konzentriert sich in erster Linie auf die sprachimmanente Perspektivität, die sprachlichen Mitteln und Mustern in Medientexten, Fachtexten und Diskursen innewohnt. Auf diese Weise verbindet das Forschungsprojekt methodische Ziele mit inhaltlichen.

»Zeichen und Zeichenverkettungen können kognitive wie kommunikative Prozesse orientieren, aber nicht determinieren.« (S. J. Schmidt (1996): Die Welten der Medien. Braunschweig, S. 16) Eine solche These verlangt nach der genauen Untersuchung von Zeichen und Zeichenverkettungen. Denn häufig wird in sozial- und kulturwissenschaftlichen Arbeiten viel von Sprache, aber wenig über sprachliche Formen als Konstitutionsmedium von Sachverhalten gesprochen.

In diesem Kontext wird das Untersuchungsprogramm der pragma-semiotischen Textarbeit zur Analyse von Textkorpora zugrunde gelegt. Die Methode nimmt die Sprachoberfläche zum Ausgangpunkt der Untersuchung.

  1. Zunächst werden durch halb-automatische computergestützte Verfahren zentrale Subthemen des Diskurses ermittelt. Anschließend werden diese im Hinblick auf umstrittene Konzeptualisierungen erfasst. Solche konfligierenden Konzepte werden hier als agonale Zentren (im Sinne diskursiver Wettkämpfe um Geltungsansprüche) bezeichnet (Felder 2015) und in der Fach-, Vermittlungs- und Alltagssprache getrennt und vergleichend analysiert (Felder/Luth/Vogel 2016)

  2. Agonale Zentren werden in der pragma-semiotischen Textarbeit durch grundlegende und umstrittene handlungsleitende Konzepte (Felder 2006: 18) modelliert und stellen eine Interpretation sprachlich gebundener Wissenssetzungen dar. Agonale Zentren lassen sich in einem bestimmten Diskurs durch die systematische Analyse der lexikalischen und grammatischen Mittel herausarbeiten. Dies geschieht unter der Berücksichtigung von fünf linguistischen Beschreibungsebenen: (1) Ebene der Lexeme, (2) syntagmatische Ebene, (3) Ebene von Äußerungseinheiten auf Satzebene und darüber hinaus (z.B. Konnektorenanalyse), (4) Textebene und (5) Ebene der Text-Bild-Beziehungen.

Das zentrale Erkenntnisinteresse liegt im Transparent-Machen der sprachlichen Fassung von Wissen mit dem Ziel, die diskursive Formung der Sachverhalte und Gegenstände aus der Perspektive verschiedener Diskursakteure zu verdeutlichen. Damit werden soziale und kommunikative Praktiken aus linguistischer Sicht offengelegt. Denn Herrschaft und Macht werden auch über Semantik ausgeübt. Fokussiert wird die Wechselbeziehung zwischen sprachlich perspektivierter Wissenskonstitution und Geltungsansprüchen von Wahrheitsaussagen durch Akteure und Interessengruppen.

 

Abbildung: Ansatz der pragma-semiotischen Textarbeit (vgl. Felder 2015)

Exemplifizierung an folgenden Diskursen

  1. Mediendiskurs zum »Bau und Fall der Berliner Mauer«

  2. Medien- und Rechtsdiskurs zu »Sterbehilfe/Palliativmedizin«

  3. Untersuchungen zum Diskursphänomen der Authentizität

Literatur

Felder, Ekkehard/Luth, Janine/Vogel, Friedemann (2016): ‚Patientenautonomie‘ und ‚Lebensschutz‘: Eine empirische Studie zu agonalen Zentren im Rechtsdiskurs über Sterbehilfe. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik (ZGL) 44.2016, S. 1–36.

Felder, Ekkehard (2015): Lexik und Grammatik der Agonalität in der linguistischen Diskursanalyse. In: Kämper, Heidrun/Warnke, Ingo (Hg.): Diskurs - interdisziplinär. Zugänge, Gegenstände, Perspektiven. Berlin/Boston: de Gruyter, S. 87–121 (Diskursmuster – Discourse Patterns 6).

Felder, Ekkehard (2013): Faktizitätsherstellung mittels handlungsleitender Konzepte und agonaler Zentren. Der diskursive Wettkampf um Geltungsansprüche. In: Felder, Ekkehard (Hg.): Faktizitätsherstellung in Diskursen. Die Macht des Deklarativen. Berlin/Boston: de Gruyter, S. 13–28 (Sprache und Wissen 13).

Felder, Ekkehard (2013): Linguistische Diskursanalyse im Forschungsnetzwerk Sprache und Wissen. In: Viehöver, Willy/Keller, Reiner/Schneider, Werner (Hg.): Diskurs • Sprache • Wissen. Interdisziplinäre Beiträge zum Verhältnis von Sprache und Wissen in der Diskursforschung. Wiesbaden: Springer VS, S. 167–197.

Felder, Ekkehard/Müller, Marcus/ Vogel, Friedemann (Hg.) (2012): Korpuspragmatik. Thematische Korpora als Basis diskurslinguistischer Analysen. Berlin/New York: Walter de Gruyter (Linguistik Impulse & Tendenzen 44).

Felder, Ekkehard (2012): Linguistische Mediendiskursanalyse. Zur Bestimmung agonaler Zentren in der pragma-semiotischen Textarbeit. In: Grusca, Franciszek (Hg.): Tagungsakten zur Sektion 53 „Diskurslinguistik im Spannungsfeld von Deskription und Kritik“ des Warschauer IVG-Kongresses. Frankfurt: Peter Lang Verlag, S. 407–415.

Felder, Ekkehard (2009): Sprache -- das Tor zur Welt!? Perspektiven und Tendenzen in sprachlichen Äußerungen. In: Felder, Ekkehard (Hg.): Sprache. Im Auftrag der Universitätsgesellschaft Heidelberg. Berlin u.a.: Springer Verlag, S. 13–57 (Heidelberger Jahrbücher 53).

Schedl, Evi (2011): Korpuslinguistische Zugänge zu agonalen Zentren [Bachelorarbeit].

 

Letzte Änderung: 08.12.2017
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