Grammatik: Form-Funktion-Perspektivenwechsel

Zielsetzung und Ausgangspunkt

Das Forschungsprojekt beabsichtigt Regelhaftigkeiten, Muster und Typologisches in der Form-Funktion-Korrelation herauszuarbeiten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass beim Vollziehen bestimmter intendierter Sprachhandlungen in Abhängigkeit des jeweiligen Kontextes verschiedene sprachliche Formen gewählt werden können (Perspektive des Textproduzenten) und dass umgekehrt bestimmten sprachlichen Formen nicht immer eindeutig und zweifelsfrei bestimmte Funktionen zugeschrieben werden können (Perspektive des Textrezipienten).

Es soll der Versuch unternommen werden, intuitives Handlungswissen in ein explizites Gegenstandswissen zu transformieren, indem Form-Funktion-Korrelationen aus dem Blickwinkel typologisierter Sprachhandlungen bzw. Funktionen in spezifischen Diskursen analysiert werden. Es geht dabei um die Frage, welche sprachlichen Realisierungsmöglichkeiten beim Vollziehen von Sprachhandlungen wie z.B. etwas intersubjektiv Gültiges feststellen (alethische Modalität: apodiktisch) etwas wissen, behaupten (assertorisch), etwas voraussagen (problematisch), vermuten (epistemische Modalität) aus dem Formeninventar ausgewählt werden können. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Untersuchungsinteresse, welche sprachlichen Realisierungsmög­lichkeiten beim Vollziehen von Sprachhandlungen sprachsystematisch zur Auswahl stehen - also um den Geltungsanspruch bei Sprachhandlungen wie z.B. feststellen, mitteilen, behaupten, klarstellen, erklären, versichern, antworten, versprechen usw. Der Fokus liegt auf der Rekonstruktion von Mustern und Kommunikationsroutinen in Abhängigkeit von Textsorten und abstrahierten Situationskonstellationen.

Modalität, Tempus und Diathese aus metasprachlicher Perspektive

Unter Modalität werden Operatoren gefasst, die Aussagen in andere Aussagen überführen. Betrachtet man das Modalitätsproblem nicht auf der Ebene des Seins (ontologisch als Wahrheitsproblem), sondern auf der Ebene der Aussageformen (wahrnehmungspsychologisch Denkperspektiven betreffend), so wird seit Kant zwischen assertorischen Urteilen (Konstitution von Wirklichkeit - besser Sachverhalten), problematischen Urteilen (Möglichkeit) und apodiktischen Urteilen (Notwendigkeit) unterschieden. Die Fragestellung lautet: Welche Möglichkeiten hat ein Textproduzent, die jeweiligen Mitteilungsinhalte aus seiner Sicht zu qualifizieren? Es geht um die Rekonstruktion von Mustern und Kommunikationsroutinen im Fokus der Form-Funktion-Korrelation. Was hier an sprachlichen Bedingungen über Sachverhaltskonstitutionen im Bezug auf Modalität angedeutet wurde, ist auf Probleme von Tempus und Genus verbi zu übertragen.

Nicht-linguistische Voreinstellungen

Die nicht-linguistische Auseinandersetzung mit sprachlichen und grammatischen Phänomenen ist dadurch charakterisiert, dass diese nicht als mögliche Wahrnehmungsgegenstände existieren. Gedanklich werden meistens die jeweiligen Sachverhalte selbst, nicht aber die sprachliche Repräsentation der Sachverhalte problematisiert. Und wenn wir uns beim Denken mit den Konstitutionsbedingungen von Sachverhalten im Medium Sprache beschäftigen (metasprachliche Betrachtungen oder Denken zweiter Ordnung), so stehen meistens die autosemantischen lexikalischen Zeichen im Mittelpunkt des Interesses, die offensichtlich Repräsentationsfunktion für Vorstellungsinhalte zu haben scheinen. Vernachlässigt werden jedoch in aller Regel die synsemantischen grammatischen Zeichen, die eine Organisations- und Interpretationsfunktion für lexikalische Zeichen haben. Köller weist in seinem Werk Perspektivität und Sprache. Zur Struktur von Objektivierungsformen in Bildern, im Denken und in der Sprache. (Berlin/ New York 2004, S. 444 ff.) darauf hin, dass für das Wahrnehmen grammatischer Funktionszeichen, welche z.B. die syntaktischen Rollen (Kasus) oder die Gültigkeitsbedingungen von Aussagen (Tempus, Modus) oder die Art der Verknüpfung von Aussagen (Konjunktionen) kennzeichnen, gleichsam eine Denkanstrengung dritter Ordnung notwendig ist, da wir mit diesen Zeichen keine selbständigen Vorstellungen assoziieren, sondern allenfalls bestimmte Formen von Sinnbildungsinstruktionen.

Modellierung einer Funktionstypologie

Aus diesem Grund wurde eine Funktionstypologie entwickelt (vgl. Felder, Ekkehard (2006): Form-Funktion-Analyse von Modalitätsaspekten zur Beschreibung von Geltungsansprüchen in politischen Reden. In: Scherner, Maximilian / Ziegler, Arne (Hg.): Angewandte Textlinguistik. Linguistische Perspektiven für den Deutsch- und Fremdsprachenunterricht. Tübingen: Narr Verlag, S. 157-178 (Europäische Studien zur Textlinguistik 2)). Auf dieser Grundlage kann von Funktionstypen ausgehend auf die Suche nach Formulierungsbeispielen in bestimmten Diskursen gegangen werden, um den grammatischen Form-Funktion-Perspektivenwechsel im Hinblick auf die Korrelation zwischen Sprachformen und Sprachfunktionen zu verdeutlichen. Die Funktionstypologie wurde aus der systematischen Zusammenstellung der beschriebenen Funktionen in gängigen Grammatiken modelliert.

Literatur

Felder, Ekkehard (2006): Form-Funktions-Analyse von Modalitätsaspekten zur Beschreibung von Geltungsansprüchen in politischen Reden. In: Maximilian Scherner, Arne Ziegler (Hg.): Angewandte Textlinguistik. Linguistische Perspektiven für den Deutsch- und Fremdsprachenunterricht. Tübingen: Narr Verlag, S. 157–178 (Europäische Studien zur Textlinguisti, Bd. 2).

Felder, Ekkehard: Form-Funktions-Perspektivenwechsel in der Grammatik: Von kontextabstrahierten Funktionstypen zu sprachlichen Realisierungsformen [unveröffentlichtes Manuskript].

Letzte Änderung: 14.10.2016
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